Die Sister und wir

„Immer dieser Moment, in dem man sich nicht sicher ist, ob man selbst gerade angeschrien wird oder eines der Kinder …“ höre ich Charlotte noch sagen als sei es gestern gewesen. Tatsächlich liegt diese Zeit des angespannten und unsicheren Umgangs gar nicht lang zurück.
Doch je länger ich hier bin, desto mehr verstehe ich die Kommunikation. Zu Anfang war diese zwischen uns und der Sister, unserer Kontaktperson und der Leiterin des Waisenhauses, auf das Nötigste beschränkt. Ich möchte mich nicht aus dem Fenster lehnen und nun behaupten wir hätten mittlerweile ein top Verhältnis, bei dem man ständig ein Pläuschchen hält und die Zeit vergisst, aber mein Gefühl hat sich in den letzten Wochen doch stark verbessert. Verunsichert und eingeschüchtert war ich von ihrer absoluten Autorität. Hinzu kam der ganz andere Umgangston, der mehr aus direkten Befehlen als aus vorsichtigen Bitten besteht. Dann der für mich komplett ungewohnt andere Umgang mit den Kindern. Und so konnte ich sie nie auch nur ansatzweise einschätzen.

Vor ein paar Wochen, über Weihnachten, kam dann eine deutsche ehemalige Freiwillige zu Besuch. Vor fünf Jahren verbrachte sie die Zeit in einem anderen Waisenhaus, das die Sister damals geleitet hat. Heute kommt sie immer mal wieder hier vorbei, ist quasi der Nonne gefolgt. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich es mit absoluter Sicherheit für unmöglich gehalten das Gefühl eines guten Verhältnisses zu der Sister zu bekommen und war demnach sehr überrascht, als sie davon sprach wie sehr sie die Nonne ins Herz geschlossen hat. Die nächsten Tage konnte ich also ihrer beider Umgang beobachten und feststellen, dass sie mit uns nicht viel anders umging. So habe ich also die letzten Wochen bewusst daran gearbeitet mehr auf die Sister zuzugehen. Mehr zu fragen. Mehr zu grüßen. Einfach von allem ein wenig mehr. Und ich bemerke endlich eine Veränderung. Mehr Lächeln, mehr Rückmeldung, mehr Erklärungen. So simpel diese Situation auch klingen mag: nachdem Vorschläge oder Vorhaben unsererseits so oft abgewürgt wurden und wir mal der verbale Boxsack für ihre Laune waren, war diese Umstellung gar nicht so einfach. Für mich hat sich hiermit, seit dem ich die Sister als Menschen besser kennengelernt und Vertrauen zu ihr gefasst habe, mein Wohlfühlfaktor auf jeden Fall mehr als verdreifacht. Na endlich! Was mich zu meinem nächsten Punkt führt:

Je länger ich hier bin, desto mehr bekomme ich ein Gespür für die Zuneigung zwischen den Menschen im Waisenhaus. Einher mit der besseren Kommunikation, habe ich mich doch tatsächlich wie einige der Kinder über die Rückkehr von der Sister nach ein paar Tagen Abwesenheit gefreut. Während ich die Stimmung im Waisenhaus während ihrer gelegentlichen Ausflüge am Anfang als viel entspannter und ruhiger wahrgenommen habe, wirkt diese nun viel weniger strukturiert und chaotisch auf mich. Die Zuneigung ist in den kleinen Momenten versteckt. Wenn die Sister beim Abendessen nach ihrer Rückkehr zwischen den Kindern umher geht und sie nach ihrer Gesundheit oder ähnlichem fragt oder wenn sie danach in einer Traube von Kindern entspannt mit ihnen lacht und augenscheinlich Neuigkeiten austauscht.

So unterschiedlich unsere Erziehungsansätze auch sein mögen, hat uns das letzte halbe Jahr die Möglichkeit gegeben diese nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu verstehen. Nicht zuletzt die in unseren Augen vollkommene Unterbesetzung (im Schnitt bis zu drei Aufsichtspersonen für über 90 Kinder) ermöglicht keine Grundlage für eine Betreuung wie wir sie kennen und schätzen. Seit 25 Jahren nahezu 24 Stunden an 7 Tagen der Woche arbeitet unsere Sister nun schon als Küchenchefin, Waschfrau, Putzaufseherin, Kommandeurin, Kinderbetreuerin, Tages- und Eventmanagerin, Sparfüchsin etc. Kurz gesagt: Sie hat sowohl den Überblick über alle Kinder, als auch die Vollmacht zur Schaffung jeglicher Rahmenbedingungen. Nicht alle ihre Handlungen können wir unterstützen, jedoch haben wir unglaublichen Respekt vor ihrer Leistung.

„Sie ist ungefähr 15 Adler, die über diesem Waisenhaus fliegen und alles sehen.“

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