Deromantisierung

Manchmal nervt es mich eine Frau zu sein. Jetzt, in diesem Moment, sitze ich im Bus zurück ins Waisenhaus nach einem sehr schönen Tag am Strand in Mangalore. Das erste Mal surfen, das (vielleicht) vorletzte Treffen mit Nele und Ida. Nele und Saskia hatten uns damals an unserem ersten Tag in Mangalore zu unserem Projekt gebracht. Zu diesem Zeitpunkt waren sie schon fast vier Monate hier. Nun ist ihr Jahr fast vorbei. Nächsten Monat geht ihr Flug zurück nach Deutschland. Dann habe ich keine Partnerin beim morgendlichen Sport mehr. Ich weiß noch wie beeindruckt Charlotte und ich damals von den beiden waren. Von der Gelassenheit und Ruhe mit der sie das Hin und Her mit dem Bus und der Rikscha regelten, obwohl sie nicht einmal genau wussten wo sie uns abliefern sollten. Wie sollten wir das jemals schaffen? Naja und heute? Ist dies alles genau so simpel für uns. Gespannt bin ich auf die neuen Freiwilligen. „Es ist so schön zu merken wie spannend alles für euch ist. Für mich sind Dinge wie das Bus fahren oder die Natur schon so normal und alltäglich geworden.“ erinnere ich mich noch eine andere Freiwillige aus Neles Ausreise bei unserer Ankunft sagen. Nur schwer konnte ich mir vorstellen, dass diese Dinge alltäglich werden könnten. Wie soll ich denn beim Bus fahren auf mein Handy schauen? Viel zu viele Dinge gibt es um uns herum zu beobachten! Man gewöhnt sich eben an alles. Aber ich schweife von meinem eigentlichen Thema ab. Manchmal nervt es mich eine Frau zu sein. Wobei … würde es irgendetwas ändern, wenn ich ein Mann wäre? Schließlich habe ich auch schon von sexueller Belästigung gegenüber einiger Männer unserer Ausreise gehört. Aber ich wage mal die Behauptung, dass dieses Thema mir dann definitiv seltener begegnen würde und ich mir nicht so viele Gedanken machen bräuchte. Zumindest würde ich das alles nicht so sehr mitbekommen. Was das Problem auch nicht unbedingt besser macht. Existieren tut es trotzdem. Also vielleicht doch nicht schlecht, dass ich eine bin. Wie dem auch sei. Nach dem neuesten Vorfall, von dem mir berichtet wurde, bin ich nicht einfach nur noch bestürzt, traurig oder ähnliches. Nein. Ich bin wütend. Absolut genervt. Enttäuscht. Von einer Sache, die so einfach sein sollte. Es sollte kein Problem sein alleine als Frau durch die Straße nach Hause zu laufen. Alleine an einem Flussufer den Nachmittag zu verbringen. Im Nachtbus zum nächsten Urlaubsort zu fahren. Sogar zu zweit an einer etwas abgelegeneren Stelle am Strand zu sitzen. Im überfüllten Bus zum Homestay zu fahren. In den Bus einzusteigen. In einer Gruppe von Freunden abends Essen zu kaufen. Ein Festival mit Freunden zu besuchen. Nein, hier habe ich nicht einfach wahllos Situationen aufgezählt. Dies sind die Orte von denen ich weiß, dass Frauen in welcher Art auch immer belästigt wurden. Warum nehmen sich Menschen immer und immer wieder das Recht über den persönlichen Raum und den Körper Anderer zu entscheiden? Was ist nur los mit euch?

Alltägliche Situationen werfen mittlerweile Fragen auf wie „Ab welcher Uhrzeit oder in welcher Umgebung ist es doch besser die Rikscha zu nehmen anstatt zu laufen?“, „Welchen Bus oder Zug muss ich nehmen, damit ich morgens nicht im Dunkeln an meinem Ziel ankomme?“, „Wann muss ich spätestens zurück, damit ich meine Unterkunft zu einer sicheren Zeit oder am besten im Hellen noch erreiche?“, „Wo kann ich bei einer Nachtfahrt sicherer schlafen? Im obersten Bett?“, „Kann ich ihn nun zurück anlächeln oder sende ich damit falsche Signale?“. Wir versuchen brenzlige Situationen zu vermeiden. Und doch sind sie unumgänglich. So wahllos. Unvorhersehbar.

Und was ich am dramatischsten an der ganzen Sache finde: Mittlerweile haben wir uns so daran gewöhnt, dass eine Hand an unserem Hintern fast nur noch zu einem „Echt jetzt? Schon wieder?“ führt. Wir stumpfen ab. Okay, das klingt nun so als wäre es 5x wöchentlich, dass uns etwas derartiges passiert. Dem ist definitiv nicht so. Insgesamt kann ich drei Male für mich persönlich zählen in dem letzten halben Jahr und da ich hier keine Erfahrungen Anderer schildern möchte, gehe ich als Beispiel einfach auf diese ein.

Nummer eins ist sehr schnell erklärt: Viele Menschen, die in den ankommenden Bus möchten. Das Gedränge ist wie häufig in solchen Situationen groß. Als ich es dann endlich bis zur Tür geschafft habe und mich in den Bus schwinge, spüre ich die Hand, viel zu stark als dass es ein Versehen sein könnte, an meinem Hintern. Viel zu nah an meinem Schritt.

Nummer zwei: Wir stehen zu viert vor einer Bäckerei in einer kleinen Gasse, um Snacks für den Ausflug am nächsten Tag zu besorgen. Ein Jugendlicher auf seinem Fahrrad fährt entspannt die Straße ein paar Mal auf und ab bevor er sich dazu entscheidet zunächst mit seiner Hand an meinem Arm entlang zu streichen und beim nächsten Mal Charlottes Brust zu berühren. Leider ist er danach nicht mehr umgedreht, sondern abgehauen.

Nummer drei: Am Abend im vollkommen überfüllten Bus zurück zu unserem Homestay auf einer unserer Reisen kann ich noch ganz vorn neben einer älteren Frau einen Platz ergattern. Ich sitze am Gang. Um mich herum, bis auf Charlotte vor mir, lediglich Männer, die sich im Gang aneinander drängen. Und so fällt es mir schwer einzuschätzen, ob der Schritt des Mannes rechts neben mir beabsichtigt oder aufgrund des Gedränges immer fester gegen meine Schulter drückt. Mein Unwohlsein scheint ihm trotz meiner abgeneigten Haltung und der Finger, die ich ihm mittlerweile in seine Hüfte drücke, nicht aufzufallen. Oder ist es ihm egal? Keine Ahnung. Zu diesem Zeitpunkt hat Charlotte mir schon geraten mit aufzustehen. Ich rücke also ein Stück weiter vor auf meinem Sitz, lehne mich nach vorn. Bis er wieder näher kommt und die Frau neben mir ihm scheinbar eine ordentliche Ansage auf einer mir unbekannten Sprache macht. Die Männer neben ihm fangen lautstark an zu diskutieren. Ich verstehe kein Wort. Ein durchaus unangenehmes Gefühl. Auf jeden Fall bringt es ihn dazu Platz zu machen.

Während dieser ganzen Zeit des Unwohlseins im Bus stelle ich mir die Frage ab wann ich das Recht dazu habe etwas zu sagen. Ab wann die Nähe des Mannes nicht mehr in Ordnung ist. Was ich sagen könnte, denn ich weiß nicht, ob er mich versteht, ob er Englisch spricht. Ich rede mein Gefühl klein. Dass es schon in Ordnung ist. Ist ja voll im Bus und so ein Körperkontakt ist ja nur eine Kleinigkeit. Er hat ja nichts gemacht. Sogar während ich dies hier aufschreibe denke ich darüber nach was für eine Banalität dies ist verglichen mit anderen Vorfällen und ob es dies überhaupt wert ist zu berichten. Was für ein Quatsch! Nein. Wer entscheidet über kleine oder große Vorfälle? Das Ausmaß der Belästigung? Woran wird dies bemessen? Im Endeffekt entscheide ich dies selbst. Lege meine eigene Grenze fest. Dieses Gedankenchaos mit dem ich mich überrannt gesehen habe war für mich das Schlimmste in diesem Moment. Dass ich es nicht fertig gebracht habe selbst den Mund aufzumachen, sondern so weit über meine persönliche Grenze hinaus gegangen bin und sich im Endeffekt eine andere Frau für mich stark gemacht hat. Und ich weiß, dass ich mit diesen Gedanken ganz sicher nicht alleine bin.

Mir stellt sich also die Frage warum dieses Thema der sexuellen Belästigung ein so großes Problem ist. An unserer Hautfarbe kann es schon mal nicht ausschließlich liegen. Damit meine ich das Vorurteil weiße Frauen wären offener für Sex. Die Polizei und diverse andere indische Frauen berichteten uns von diesem Problem gegenüber Frauen im Allgemeinen. Ich kann es mir nur so erschließen: Das Thema Sex ist viel zu tabuisiert. Kein Küssen in der Öffentlichkeit, kaum Händchen haltende Paare, kaum Aufklärung in der Schule, Geschlechtertrennung in vielen Bereichen. Etwas so Verbotenes kann ja geradezu nur zum Ausprobieren verführen. Ich habe viel zu wenig Einblick in das Leben hier, um es wirklich beurteilen zu können. Aber in diesem Punkt sehe ich einen möglichen Ansatz der Lösung.

Das war dann wohl mein Artikel für die Menschen, die denken ich würde Indien romantisieren.

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2 Gedanken zu “Deromantisierung

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