Genießen

Meine Notiz vom 30. November 2017 um 16:38 Uhr: „Ich sitze im Bus von Munnar nach Aluva. Mein Gesundheitszustand entspricht viel mehr einem Tag im warmen Bett, als bei vergleichsweise kalten 20 Grad und kontinuierlichem Nieselregen den frischen Wind durch die offenen Fenster des Busses bei dieser Fahrt durch die Berge ins Gesicht zu bekommen. So war es auch nicht ganz geplant. Den Direktbus zu unserem Zielort haben wir knapp verpasst. Nun nehmen wir also die lange Variante mit 2x Umsteigen und Zwischenübernachtung anstatt die 8 Stunden Route. Dieser Moment lässt mich ganz deutlich wahrnehmen wie sich die letzten Monate auf mich ausgewirkt haben. Ziemlich sicher hätte mich noch vor einiger Zeit niemand als entspannt und gelassen beschrieben, wenn Dinge nicht so laufen wie ich sie mir in meinem Kopf ausgemalt habe. Eine grundlegende Gelassenheit und das Vertrauen darin, dass alles seinen guten Weg finden wird. Das habe ich in den letzten Monaten gelernt und möchte ich mir erhalten.“

Die magische 3-Monats-Grenze des Heimwehs? Ja, die gibt es wirklich. Auf jeden Fall bei Charlotte und mir. War ich doch sehr skeptisch gegenüber jeglicher Aussagen dahingehend, dass die Zeit nach diesen besagten 3 Monaten verfliegen würde, fühle ich nun genau dies und kann mir mein Leben in Deutschland nur noch als traumartige Erinnerung vorstellen. Ich habe mich in so viele Dinge in meiner jetzigen Umgebung verliebt, dass ich mich manchmal bewusst daran erinnern muss wie es in Deutschland ist. Wo und wie ich mein Zuhause derzeit beschreiben würde? Keine Ahnung. Immer wieder muss ich mich selbst daran erinnern, dass ich bei euch nicht einfach auf Pause gedrückt habe. Sondern, dass diese beiden so unterschiedlichen Leben gleichzeitig existieren und weiterlaufen.

Nie zuvor habe ich mein Leben und meine Zeit so bewusst genossen wie ich es hier und jetzt tue. Meine Zeit mit den Kindern, wenn mein Lieblingskind (ja, ich weiß, man sollte keine Lieblingskinder haben, ich konnte aber einfach nichts dagegen tun) völlig aufgedreht auf mich zu gerannt kommt und mir lachend in die Arme springt. Meine Zeit, wenn ich einfach nur beobachten kann wie die Menschen sich im Bus auf freie Plätze aufmerksam machen oder vorausschauend zur Seite rücken, auch wenn kaum noch Platz ist. Irgendwie passt der halbe Hintern immer noch auf die Bank. Wenn ich dann fast wie selbstverständlich das kleine Mädchen das neben mir steht einfach auf den Schoß nehmen kann und sie auf diesem fast einschläft. Meine Zeit im Kino, wenn ich bei einem Film auf Englisch in eine andere Welt abtauchen kann, Raum und Zeit vergesse und mich aufgrund der viel zu kalten Klimaanlage endlich mal in meine Fleecejacke kuscheln kann. Wenn ich aus dieser Welt dann auf einmal durch die ganzen anderen lachenden, jubelnden oder grölenden Besucher geweckt werde. Ja sogar meine Zeit, wenn einer der Jungs zum zehnten Mal an unsere Tür klopft, um uns ein weiteres Kleidungsstück zum Nähen zu geben oder um nach seiner kaputten Tasche zu fragen.
Und wenn die Kinder sich nach Ablieferung neuer Nähkleidung beim Zurücklaufen nochmal umdrehen, um „Thank you, Akka.“ zu sagen, sie die Geräusche unseres Lachens falsch deuten und an unserer Zimmertür klopfen, um nachzufragen ob es uns gut geht oder wenn sie ihre Nachmittagssüßigkeit mit uns teilen wollen. Gerade ist es einfach schön.

Ich: „Och nö, der Artikel braucht ja noch einen Titel. Ich nenne ihn einfach ‚Genießen‘. Voll kreativ …“
Charlotte (völlig entsetzt): „Aber es geht doch gar nicht um Essen?!“

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2 Gedanken zu “Genießen

  1. Irmtraud Dübler

    Hallo Johanna, habe jetzt erst deine so wunderbare Notiz lesen können. Es klingt ja ganz großartig. Wie schön für dich eine so andere Welt kennen zu lernen und in dich aufzunehmen😘!
    Dir noch eine wunderbare Zeit!
    Ganz liebe Grüße und Wünsche aus dem kalten und ungemütlichen Wüstung,
    Deine Irmtraud

    Gefällt 1 Person

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