Gelegentlicher Alltag

Vor zwei Wochen habe ich mich auf den Weg nach Kundapur zum FSL Center gemacht, um am International Teamleader Training teilzunehmen. Der gleiche wunderschöne Ort, an dem wir unser Ankunftsseminar vor nun schon drei Monaten verbracht haben.

„Es fühlt sich komisch an für ein paar Tage nicht hier zu sein.“

Dieser Gedanke kam mir kurz vor meiner Abreise im Waisenhaus. Und ja, es fühlte sich dann wirklich seltsam an das erste Mal für eine Woche woanders zu sein. Das erste Mal getrennt von Charlotte, die sich zur gleichen Zeit auf ihrer ersten Reise zum südlichsten Punkt Indiens befand. Erst währenddessen wurde uns beiden bewusst, dass wir durchaus Erfahrungen unabhängig voneinander sammeln können. Oder könnten, denn wie Charlotte schon im Bus vor unserer bevorstehenden Verabschiedung sagte: „Wir passen voll gut zusammen. Wir passen zwar nicht wie Deckel auf Topf, aber wir sind zwei gleichgeformte Deckel.“

Wir haben einen gemeinsamen Alltag entwickelt. Soweit man dies so nennen kann. Denn gefühlt vergeht kein Tag wie ein anderer. Ich versuche es trotzdem mal einen exemplarischen Tag zu schildern. Gar nicht so einfach.
Angefangen beim Aufstehen in der Früh: die Uhrzeit variiert. Am bisher häufigsten läutete die Glocke zum Zähneputzen und Gesichtwaschen der Kinder jedoch gegen 5.40 Uhr. Unser Zeichen endlich doch auf meinen Wecker zu hören und schnell aus unseren Betten zu fallen. Zahnpasta verteilen und darauf achten, dass sich die Kinder beim Anstehen für das heiße Wasser nicht bekriegen.
Danach folgt das Morgengebet und anschließend für die christlichen Kinder der Gang zur Kirche. Wenn die hier wohnende Lehrerin für die hinduistischen Kinder keinen Unterricht gibt, passen wir während der Hausaufgaben- und Lernzeit vorwiegend auf die Kleinsten (1. bis 3. Klasse) auf. Buchstabieren, ABC, Farben etc. Alles was uns auf Englisch einfällt.

„Akka, spelling, akka! A-P-P-L-E, APPLE!“

Zugegeben: Ich nutze diese Zeit gern heimlich dazu die übermüdeten Kinder zu knuddeln oder mir neuen Zaubertricks von ihnen zeigen zu lassen.
Danach bzw. währenddessen wird geputzt. Alle kümmern sich um das Abwaschen der Teller, das Kehren und Wischen der Böden, das Füttern der zwei Hunde mit Reis etc. Zwischen 7.30 und 8 Uhr läutet die Nonne dann endlich zum zweiten Mal die Glocke: Frühstück!

Reis. Joghurt. Sambar.

Nicht für uns, aber für die Kinder täglich. Also fast täglich. Man weiß ja nie. Charlotte hilft beim Austeilen des Essens der Großen (4. bis 7. Klasse) und ich bei dem der Kleinen. Wenn sich während der vergangenen zwei Stunden kein Kind mehrfach daneben benommen hat, gibt’s von uns auch für alle die gleiche, an die Reismenge und nicht an das Verhalten angepasste, Menge Samba.
Danach bekommen wir dann auch endlich unser lang ersehntes Frühstück. Parotha, Roti, Idli, Dosa oder eine andere der zahlreichen Reis- oder Fladenvariationen mit Sambar, Chutney oder Gemüse. Dazu Chai. Wir lieben unser Frühstück.

Solange die Kinder ab 9 Uhr in der Schule büffeln, genießen wir die Ruhe, ich meinen Sport, Waschen wäsche oder eben nicht und wir fahren für ein paar Stunden nach Mangalore.

Coppi and Chocolate

Ab 15 Uhr geben wir seit neuestem auf unbestimmte Zeit einer befreundeten Nonne für ihren bevorstehenden Deutschlandaufenthalt ein wenig Sprachunterricht. Danach heißt es für mich Kinder waschen. Erst die Jungs, dann die Mädels. Manchmal auch umgekehrt. Charlotte wuselt in der Zeit mit den anderen in der Gegend rum. Bis zum dritten Mal die Glocke ertönt und es Zeit ist für Kaffee (von den Kindern liebevoll Coppi ausgesprochen) und Süßes (alles Süße ist hier Chocolate, auch wenn es keine Schokolade ist, enttäuschend, ich weiß). Wenn wir dann das riesen Getümmel vor unserer Kaffee-Ausgabe überlebt haben, kommen wir endlich zum nächsten Höhepunkt des Tages: Unsere Chai-Zeit.

Mittlerweile ist es etwa 17.30 Uhr. Nun heißt es für uns die riesigen Löcher oder kaputten Reißverschlüsse der Kinderklamotten zu nähen oder den Kleinen bei den Hausaufgaben zu helfen, bis ab 19 Uhr für eine Stunde gebetet wird und es danach wieder Reis mit Sambar gibt. Dann gilt ab circa halb 9 Feierabend für uns und etwa eine Stunde später „Gute Nacht“ für die Kinder.

Während ich diesen Beitrag verfasse, kommt von Charlotte übrigens immer wieder der Einwand: „Aber das ist ja auch nicht immer so!“

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2 Gedanken zu “Gelegentlicher Alltag

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