Zwei-Elftel

Für drei Tage war ich in Deutschland und habe meine liebsten Menschen besucht. Kurz vor dem Rückflug nach Indien bin ich aufgewacht. Mein erster Traum letzte Woche, in dem es auch meinem Unterbewusstsein endlich klar geworden ist: Ich bin in Indien.
Diese Woche folgte dann die erste Nacht der letzten zwei Monate, in der ich komplett durchgeschlafen habe. Na endlich!

Ich fange an mich anzupassen. Bin nicht mehr vor Reizüberflutungen wie gelähmt, sondern beginne damit Gestik, Mimik, Sprache, Denk- und Umgangsweisen im Ansatz zu verstehen und zu übernehmen. Entspanne mich endlich.

Als kleinen Einblick habe ich euch eine Liste zusammengestellt. Ein paar Dinge an denen ich merke, dass ich schon eine Weile hier bin:

  1. Sogar während eines Telefonats wackle ich nun mit dem Kopf, um eine Aussage zu bejahen. (Nicht Nicken, Wackeln!)
  2. Sogar um mich bei Jemandem zu bedanken wackle ich nun mit dem Kopf.
  3. Sogar um Jemanden zu begrüßen wackle ich nun zusätzlich mit dem Kopf.
  4. Ich wackle grundsätzlich mit dem Kopf. Auch wenn ich „Nein“ meine. Dann mache ich aber zusätzlich noch eine abwertende Geste mit der Hand.
  5. Instinktiv weiche ich anderen Menschen nach links, anstatt nach rechts aus. (Achtung! Linksverkehr!)
  6. Dem Rikschafahrer brauche ich nach dem Sport nicht mehr mein gewünschtes Ziel zu nennen. Er fährt einfach los.
  7. „My going …“ ist als komplett falsches Englisch von den Kindern übernommen in meinen alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen.
  8. Die Sonnenbräune auf meinen Füßen formt einen wunderschönen Abdruck meiner Sandalen.
  9. Morgens um 6 Uhr ziehe ich mir doch lieber noch meinen Pullover über, da es bei 25 Grad echt kühl ist.
  10. Mittlerweile habe ich es auch übernommen andere Frauen im Waisenhaus auf sichtbare BH-Träger hinzuweisen.
  11. 250 Rupien für eine ordentliche Mahlzeit? Wucher! Die gibt’s auch für 50.
  12. Den Chai-Becher stelle ich automatisch links neben den Teller, da an der rechten Hand üblicherweise Sambareste vom Essen kleben und damit die linke Hand zur Trinkhand wird.
  13. Menschen in kurzer Kleidung (freie Knie oder Schultern) fallen mir direkt auf und ich bin fast schon peinlich berührt.
  14. Eine Nachtfahrt bis zum gewünschten Reiseziel? Das ist ja um die Ecke! Hin da!
  15. Im Bus könnte ich mittlerweile wohl auch einschlafen.
  16. Um den Kindern zu entfliehen, zeige ich ihnen einfach mittels Abspreizen des kleinen Fingers, dass ich auf Toilette muss.
  17. Die Frage, ob ich schon gegessen habe während ich offensichtlich gerade dabei bin, wundert mich nur noch mäßig.
  18. Wasser trinken ohne den Becher mit dem Mund zu berühren? Kein Problem! So kann man sich mit allen das Wasser teilen.
  19. Barfuß über Schotter ist kein „Aua!“ mehr wert.
  20. Beim mittäglichen Duschen (Wasser mit Hilfe eines Eimers über sich kippen), bekomme ich nur noch einen kleinen Herzinfarkt.
  21. Mein Kleiderschrank ist gefüllt mit etlichen Farb- und Musterkombinationen. Eigentlich fehlt mir noch eine Kurta mit ein wenig Glitzer …
  22. Wir fahren heute nach Mangalore? Oh, warte! Ich brauche nur noch meine Fußketten, Armreifen und Ohrringe. (Was zur Hölle ist mit mir passiert?!)
  23. Meine deutsche und englische Rechtschreibung und Grammatik wird immer individueller (fehlerbehafteter).

Ach und falls ihr euch fragt warum dieser Beitrag Zwei-Elftel heißt: Charlotte rechnet unsere verstrichene Zeit sehr gern in Brüchen aus.

Neun-Elftel left!
Ich habe übrigens entschieden: Bilder gibt’s erst nach meiner Rückkehr oder auf Nachfrage.
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3 Gedanken zu “Zwei-Elftel

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